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Top: Mit dem Fatbike durchs verschneite Sauerland

Gaby Travers hat schon einiges auf dem Bike erlebt. Doch offen sein für Neues ist schon immer ihr Credo gewesen, weswegen sie sich nun kurzerhand für eine geführte Fatbike-Tour in der Bike Arena Sauerland anmeldete. Was dabei alles geschah und wie sie dieses Ereignis erlebt hat, lest Ihr in ihrem tollen Bericht vom Schnee-Tag um Olsberg auf dicken Reifen!

Titelbild

Tiefschneetauchen oder wie man es im Mittelgebirge schafft, eine Lawine auszulösen

Ich liebe Premieren. Bei kaum einer anderen Gelegenheit ist die Chance so groß, einen Moment so direkt und ehrlich zu erleben. Premieren werden gefühlt und nicht gedacht. Und genauso sind auch die Erinnerungen an diese besonderen Ersterlebnisse: Sie kribbeln, mal angenehm, mal komisch, mal schmerzhaft – und manchmal lösen sie eine Lawine aus.

Schon als ich das erste Mal ein Fatbike sah, war mir ein bisschen so zumute wie vor unendlich langen Jahrzehnten. Ich war acht Jahre alt, ein wildes, neugieriges Mädchen und hieß „Der Gaby“. Damals sah ich bei irgendeinem Nachbarsjungen ein Bonanzarad und wusste, dass ich auch eins haben muss. Nach wochenlanger Überzeugungsarbeit und einem Geburtstag, der mir sehr gelegen kam, hatte ich gewonnen. Endlich konnte ich mit dem Ding über die Baustellenmatschhügel rumpeln und mir mal hier ein Knie und mal da die Klamotten aufreißen. Was für ein Gefühl! Ich war eine Heldin! Das musste kein anderer so sehen, aber ganz tief in meinem Innersten war ich fest davon überzeugt.

Das erste Fatbike sah ich also mit eben diesem wach gewordenen Glücksgefühl liebevoll an und wusste, dass es irgendwann meins sein würde. Nun musste ich nicht wie früher meine Eltern, sondern nur mich selbst überzeugen, aber das kann sich in meinem hohen Alter wie Kaugummi ziehen. So dauerte es zwei Jahre bis das fette Rad und ich Premiere feiern durften. Und was für eine!

Bild1

Verschneites Olsberg

Jörg, ein Guide aus Antfeld bei Olsberg, schickte via Facebook einen Veranstaltungshinweis zu einer Fatbiketour im verschneiten Sauerland. Das Bild zum Text ließ mich schon frieren, Eiseskälte blitzte mir entgegen. Ein klares Ja in mir meldete auch meinen überraschten Mann Harald mit an und ließ mich mit Vorfreude sämtliche Radklamotten, die ich finden konnte, in meine Sporttasche packen. Hauptsache warm war mein Gedanke.

Nach einer endlos langen Autofahrt erreichten wir den Treffpunkt in Olsberg. Die Sonne schien, der Schnee glitzerte, ein fröhlicher Frank begrüßte uns als Tourmitfahrer und Guide Jörg entpackte erwartungsfroh vier Fatbikes für uns. Da standen sie nun die fetten Dinger! Jippie schrie es in mir.

Anstrengendes Einrollen

Nach einem der Kälte angepassten kurzen Bikefitting fahren wir zunächst durch Olsberg und auf der K15 Richtung Brilon den Berg hoch zum Toureinstieg. Schon nach fünf Minuten ist Kälte kein Thema mehr. Mir ist warm – und wie! Mit einem Fatbike in Bewegung zu kommen, ist ein Kraftakt. Aus der kalten Hose direkt in den Berg ist eh nicht meins. Je älter ich werde desto mehr Zeit brauche ich, um warm zu werden. Aber mit den fetten Rädern unter mir fühle ich mich grad wie eine Dampfmaschine. Ich schwitze, schuffte mich den Berg hoch, merke, dass mir nicht nur die viel zu warme Kleidung, sondern auch meine Haltung auf dem Rad den Start erschweren. Ich bin nicht besonders groß, mein Fattie ist Größe S, aber hat ein ungewohnt langes Oberrohr. Mit lang gestreckten Armen und sechs Kleidungsschichten schleppe ich mich hinter den Jungs her. Sie haben es auch nicht leicht, aber sichtlich mehr Bums in den Beinen. Höflich lässt sich immer wieder einer zurückfallen, um mit mir zu plaudern. Wenn gerade keiner spricht, überlege ich, was ich anhabe: Ein kurzes Skiunterhemd, darüber ein langes Skiunterhemd, dann ein Funktions-T-Shirt, darüber ein langes Laufhemd, dann einen extrawarmen Langlaufskipullover und meine Winterradjacke. Oh, fast hätte ich die Windstopperradweste dazwischen vergessen zu erwähnen. Endlich ist der Asphalt verschwunden und der Startpunkt erreicht. Schnell schmeiße ich vier von den sieben Kleidungsschichten in meinen Rucksack und fühle mich auch gleich viel beweglicher. Dass sich die Kerle über so viel Angst vor dem Frieren lauthals frötzelnd freuen, überrascht mich natürlich nicht. Belustigt stellt mir Jörg noch den Sattel nach vorne, damit auch das Problem mit der Überstreckung gelöst ist. So. Jetzt geht es los. Die Spiele können beginnen.

Klamottenwechsel

Viel Grip und ungewohntes Lenkverhalten

Der Untergrund ist nun festgetretener Schnee auf einem breiten Wanderweg. Lenken mit einem Fatbike geht anders als gewohnt. Auf dem Asphalt fühlte es sich in der Kurve oft an als ob jemand von der Seite gegen das Vorderrad drückt. Man deutet die Kurve an und ist direkt drin. Ein bisschen so als wäre die Gabel verbogen. Ich bin froh, dass auch die anderen dieses Gefühl ähnlich beschreiben. Überhaupt ist es toll, dass wir alle Neulinge auf den Fatties sind. Außer Jörg natürlich, aber selbst er hat heute eine Premiere, denn es ist die erste Fatbiketour, die er guidet. Jetzt im festen Schnee fällt das Lenken etwas leichter. Ein bisschen zögerlich noch fahre ich über vereiste Stellen, aber schnell stellt sich das Vertrauen ins Rad ein. Das Bike ist echt fett! Ein tolles, sicheres Gefühl. Wir plaudern ein bisschen, genießen die tolle Aussicht und das Glück mit dem sonnigen Winterwetter.

Eine nette kleine Gruppe, lustig, fröhlich. Jetzt da ich warm gefahren bin, hänge ich auch nicht mehr hinterher und wir cruisen harmonisch nebeneinander durch die Schneelandschaft in Richtung Brilon-Petersborn.

Viel Grip

Kontrollverlust und Tiefschneetauchen

Lockerer Schnee hingegen ist ein ganz anderes Terrain. Hier wird das Fatbike führungslos, es sei denn, man beherrscht es. Mit viel Kontrollverlust wirft uns ein schmaler Trail die hart erkämpften Höhenmeter hinunter ins Sitterbachtal. Jörg ist den Weg am Tag zuvor gefahren und will ihn uns unbedingt zeigen. Ein Entschluss, der Körner kostet, aber einen unglaublichen Spaß macht. Der Einstieg ist recht steil. Die Linie, die man fahren kann, ist so breit wie mein Reifen. Rutscht man daneben, liegt man im Tiefschnee. Zuerst fährt Jörg, das sieht einigermaßen lustig aus, aber er schafft es. Danach traue ich mich. Mühsam erkämpfe ich mir die Linie, mal links, mal rechts den Fuß absetzend, nie wissend wie tief das Bein wohl versinken wird. Heile komme ich unten an. Recht ähnlich rappelt sich Frank den Berg hinunter. Auch geschafft. Ohne lautes Lachen geht es nicht. Dann Harald. Sieht alles ganz gut aus, er bleibt erst gut in der Spur. Dann ein kurzes Lenkmanöver und er entgleitet völlig. „Oh schau mal, dein Mann macht den Engel“, amüsiert sich Frank und Harald pellt sich samt Rad aus dem Puder.

tiefschnee

Den Rest des Trails, der nun leicht abschüssig ist, aber noch immer im Tiefschnee verläuft, probiere ich verschiedene Lenkstrategien: den Lenker einfach in die Richtung zu schieben, in die man fahren will, scheint nicht die richtige zu sein. Das Fatbike reagiert nicht so, wie ich es erwarte. Körpereinsatz ist gefragt. Und viel Balance. Will man eine Kurve fahren, muss man schon früh in die Richtung schauen und Körper und Rad neigen, dann ein kleines bisschen den Lenker mitnehmen und man wird nicht abgeschmissen. Jedenfalls nicht so oft. Stellenweise komme ich besser klar als die Jungs. Vermutlich liegt es am geringeren Gewicht. Dort, wo mich der Schnee noch ein bisschen trägt, sinken sie ein und verschwinden im Weiß. Das Wiederantreten ist auch ein Lernfeld. Viel hilft nicht viel. Nicht die Kraft, sondern das gefühlvolle, stetige Treten bringt den Fatbiker voran. Am Ende des schmalen Pfades gibt es nochmal eine steilere Passage, die nun nicht mehr so schwer erscheint. Dafür, dass wir alle einfach hinunter gefahren sind, war der Weg unglaublich kräftezehrend. Auf einem Forstweg mit festem Schnee bewegen wir uns wieder gut rollend in Richtung Gudenhagen und Petersborn.

Staunen und Bewunderung

Viele Wanderer, Familien mit Schlitten fahrenden Kindern und Skilangläufer kommen uns entgegen. Manche schauen ungläubig, wieder andere lachen, einige bleiben stehen und fragen, woher wir die Räder haben und was die können, Kinder lachen über die dicken Reifen. Das gleichgültige Vorbeischauen, das ich als Mountainbiker auf Touren erlebe, gibt es nicht. Fatbiker fallen ins Auge. Nur einmal muffelt ein älterer Herr seiner Dame ein „sehen ja aus wie Motorräder“ entgegen und die Dame erwidert ein erfreutes „sowas habe ich noch nie gesehen“. An einer Passage fahren wir entlang einer Langlaufloipe. Die festgewalzte Seite für Skater und Wanderer eignet sich bestens für unsere Fatties. Wir kommen gut voran, behindern niemanden und hinterlassen allenfalls einen Reifenabdruck, aber keine Spurrille, wie ich auf dem Untergrund erwartet hätte.

Lawinengefahr am Rodelberg

Rodelberg

In Gudenhagen fahren wir auf den Poppenberg. Hier versammeln sich die Rodler und genießen oben die schöne Sonne. Wir fahren hoch. Die Reifen packen das prima, nur meinen Beinen muss ich noch erklären, was sie leisten sollen. Dort, wo der Berg ganz steil wird, steige ich ab. Ich schiebe den Rest und genieße den schönen Blick und die tolle Atmosphäre. Auf die Rodelbergabfahrt hatte ich mich wohl zu früh gefreut. Jörg hat andere Pläne und schmeißt uns auf der anderen Hangseite erneut in einen Tiefschneetrail. Während die anderen drei zwar auch stürzend, aber immerhin nach unten kommen, überrollt mich eine Lawine. Ich habe keine Ahnung, wohin ich greifen soll, um wieder hier rauszukommen. Also bleibe ich erstmal liegen und warte bis ich aufhören kann zu lachen.

nach der lawine

Alpencrosse, Trails und Träume

Auf geht’s zur Hütteneinkehr. Die Idee hatten neben uns schon andere. Die Hiebammenhütte bei Petersborn liegt traumhaft und ist rappelvoll. Es ist eher ein kleines Hüttendörfchen, auf dessen Platz in der Mitte einige sogar in der Sonne essen und trinken.

Hiebammenhütte

Frauen in karierten Hemden und kurzer Lederhose wuseln umher und bedienen die gemäßigten Wintersportler. Normalerweise mag ich diesen Bayernnachmachtrend nicht, aber hier wirkt es weder komisch noch entstellt. Es passt. Wir haben Glück: Ein Grüppchen bricht auf und überlässt uns einen Hüttentisch am warmen Kamin. Wir legen unsere nassen Sachen auf die warme Steinbank zum Trocknen, bestellen was Leckeres und plaudern ganz entspannt – über Alpencrosse, Trails und Träume. Eine herrliche Pause ganz ohne Eile.

Pause

Ein fetter Platten ist ein fetter Platten

Wieder bei unseren fetten Begleitern, sieht Haralds Bike recht traurig aus. Der Hinterreifen klebt am Schnee und sieht gar nicht mehr so prall und wuchtig aus, wie wir ihn in Erinnerung hatten. Schon auf der Fahrt sprachen wir über die Vor-und Nachteile von Fatbikes und darüber, dass es ohne kraftvolle Hebelwirkung kaum möglich ist, den Mantel von der Felge zu bekommen.

Platten

Nun hat es uns tatsächlich erwischt. Keine Chance, das Ding ist nicht zu flicken. Das Loch scheint aber nicht groß zu sein, also beschließen wir wie wild zu pumpen und zu fahren. Auf kürzestem Weg nach Olsberg. Harald muss also ordentlich in die Pedale treten, damit die Pumppausen nicht zu oft stattfinden müssen. Ein kleiner Anstieg nur, dann geht es nur noch bergab. Das Pumpen ist nicht einfach. So ein fetter Reifen braucht viel Luft. Die Jungs wechseln sich ab und ich halte ab und zu das Rad fest, ganz besonders fest, ich bin ja emanzipiert.

Die Rechnung geht auf. Trotz geringer werdender Pumpabstände schaffen wir es fahrend zurück nach Olsberg. Wir hatten alle einen tollen Tag und ich bin um eine sehr lustige Premiere reicher. Danke Fatbike, danke Jörg, danke Frank und danke Harald – es war klasse mit euch!

Mein Fazit: Keine Angst vor Kälte, ein fettes Rad fährt anders, Schnee ist nicht gleich Schnee und Lawinen gibt es auch im Mittelgebirge.

Text und Bilder: Gaby Travers und Frank Marks

Ende

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